Eine neue Arbeitsteilung zwischen Medizin und Pflege

Eine neue Arbeitsteilung zwischen Medizin und Pflege

Mitte letzten Jahres hat Patrick Jahn die Professur „Versorgungsforschung – Pflege im Krankenhaus“ am Uniklinikum Halle angetreten. Diese Position ist einzigartig in Deutschland: Sie soll eine Schnittstelle schaffen und die Pflegeforschung mehr in die Pflege integrieren.

Professor Patrick Jahr im Interview - copyright B. Braun

Herr Prof. Jahn, der Zuschnitt Ihrer Professur in Halle ist bundesweit einmalig. Was heißt das genau?

Sie soll eine Schnittstelle schaffen, über die die Erkenntnisse aus der Pflegeforschung stärker in die Pflege im Krankenhaus einfließen. Die Pflege im Krankenhaus soll im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen, meine Mitarbeiter und ich sind in der Klinik angesiedelt und direkt mit Fragen der Krankenversorgung beauftragt. Das ist tatsächlich neu – und das ist eigentlich verrückt. In der Medizin ist es selbstverständlich, dass die Professur mit der Patientenversorgung verbunden ist. Aber in der Pflege ist es immer noch die Regel, dass die Lehrstühle in der Theorie angesiedelt sind und man keinen Auftrag in der Krankenversorgung hat. Dabei geht es übrigens nicht nur um die Pflege im Krankenhaus. Krebspatienten beispielsweise werden zu großen Teilen ambulant betreut. Da ist es notwendig, sektorenübergreifend zu denken.

Gleichzeitig muss klinische Erfahrung in Form von Patientenkontakten stärker in wissenschaftliche Studien eingebracht werden. Es ist also eine Schnittstelle in beide Richtungen nötig. Diese Verankerung in der Praxis vermeidet meiner Ansicht nach auch Elfenbeinturm-Denken, sie stellt die Pflegewissenschaft vom Kopf auf die Füße.

Sie sind seit einigen Monaten im Amt, was stand und steht ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?

Wir haben zunächst einmal die Abteilung neu gegründet, Basisstrukturen geschaffen, Mitarbeiter eingestellt, Räumlichkeiten bezogen, die Gremienarbeit aufgenommen. Jetzt geht es vor allem um die Praxisbegleitung der Studierenden. Mir ist es besonders wichtig, dass akademische Lehrpersonen mit in die Praxis kommen. Nur dann kann man gemeinsam darüber sprechen und aushandeln, wie sich das Handlungsfeld verändern soll. 

Wie hoch ist denn der Anteil an akademischem Pflegepersonal derzeit in Deutschland?

Bislang gibt es nur rund 2 Prozent akademisches Pflegepersonal. Das muss sich ändern. Hier in Halle haben wir den Studiengang „Evidenzbasierte Pflege“ mit Abschluss „Pflegefachmann/frau mit Bachelor“. Das ist gleichzeitig ein Bachelor- und ein Krankenpflege-Abschluss, kombiniert mit der Befähigung zur Heilkunde (Diabetes Mellitus Typ 2 und Chronische Wundversorgung). Das ist einzigartig in Deutschland und gibt der akademischen Ausbildung eine klare Profilierung zu mehr Eigenständigkeit. Im Oktober 2020 haben die ersten Studierenden ihren Abschluss gemacht.

Situation aus dem Future Lab der Universität Halle - copyright B. Braun

Was wird sich Ihrer Einschätzung nach verändern, wenn wir mehr akademisches Pflegepersonal haben?

Zum einen muss es zu mehr Eigenverantwortlichkeit führen. Es hat keinen Sinn, eine höhere Qualifikationsstufe einzuführen, aber den Entscheidungsspielraum nicht zu verändern. Das wiederum wird zu einer neuen Arbeitsteilung zwischen Medizinern und akademischen Pflegekräften führen. Da kann man die Spielräume, die in der Heilkundeübertragung gegeben sind, gut nutzen. Gerade die Pandemie hat gezeigt, dass wir auf Regelungen zur Übernahme von Heilkunde durch Pflegefachpersonen angewiesen sind.

Außerdem sollte eine Akademisierung uns dazu bringen, mehr über unsere eigene Praxis zu reflektieren, mehr Studienerkenntnisse in die praktische Arbeit einzubeziehen, auch im internationalen Kontext. Aus der praktischen Arbeit wiederum sollten mehr Forschungsarbeiten angestoßen werden, das ist in Deutschland noch unterentwickelt.

Ich gehe auch davon aus, dass eine Akademisierung zu einem stärkeren Selbstbewusstsein und einer stärkeren Interessenvertretung der versorgenden Gesundheitsberufe im Gesamtgefüge führen wird.

Wo sehen Sie Einsatzgebiete für akademisches Pflegepersonal?

Hier müssen wir Karrieremodelle schaffen – und es gibt bereits vielversprechende Ansätze. Wir haben Managementstudiengänge und medizinpädagogische Studiengänge, die mit einem konkreten Karrieremodell verbunden sind, mit einer bestimmten Rolle, Vergütung und so weiter. Für das Pflegepersonal gibt es solche Modelle noch nicht in einem ausreichenden Maß, das müssen wir ändern. Wir sollten uns am Pflegekonzept „Advanced Practice Nursing“ orientieren, das in Richtung einer Spezialisierung der Pflegekräfte geht. In den USA ist das Modell lange bekannt, in Deutschland setzt es sich erst nach und nach durch. Auch wir müssen auf Spezialisierung dringen, denn wir haben immer mehr spezialisierte Bereiche, zum Beispiel in der Onkologie, Kardiologie oder Geriatrie. Das muss sich in einer Berufsbiografie wiederfinden. Andernfalls droht ein Brain Drain und wir werden gut ausgebildete akademische Fachkräfte für die Pflegepraxis verlieren.

Pepper im Fachgespräch auf Station - copyright B. Braun

Forschungsprojektes den Einsatz digitaler Technologien erlebbar machen will. Dabei dreht sich viel um Robotik. Welche Rolle wird sie künftig in der Pflege spielen?

Es ist aus meiner Sicht unverzichtbar, dass wir digitale Entlastungsmöglichkeiten in der Pflege nutzen. Ein Beispiel: Wir haben festgestellt, dass sich 80 Prozent unserer täglichen Kommunikation mit Patienten um Routinefragen drehen: Wann ist die Untersuchung? Wie läuft sie ab? Dabei geht es nicht um ärztliche Aufklärung, sondern um reine Informationsweitergabe. Ein solches Routinegespräch zu einer MRT-Untersuchung haben wir jetzt als klinische Studie an einen humanoiden Kommunikationsroboter übertragen und damit gute Erfahrungen gemacht. Die Akzeptanz bei den Patienten war hoch. Auch Visiten haben wir schon mit Telepräsenzrobotern durchgeführt, etwa wenn der Patient bereits zurück ins Pflegeheim verlegt worden war. Seitdem das Fernbehandlungsverbot gekippt wurde, sind Telemedizin und Telepflege auf dem Vormarsch.

An dem Diskurs, wie wir diese und andere Technologien in Zukunft einsetzen, müssen wir uns aktiv beteiligen, wir können nicht darauf warten, dass uns jemand Lösungen präsentiert. Auch dabei wird die Akademisierung der Pflege helfen. Denn Robotik funktioniert anders als klassische Medizingeräte, bei denen ich eine Einweisung bekomme und anschließend weiß, welchen Knopf ich drücken muss. Für einen humanoiden Roboter, der mir kommunikative Fähigkeiten anbietet, muss ich mir eigenständig überlegen, welche Aufgaben ich an das Gerät übertragen möchte. Da ist transformatives Denken und Handeln gefragt. 

 

Zur Person: 
Im Juli 2020 hat Patrick Jahn die Professur „Versorgungsforschung – Pflege im Krankenhaus“ am Uniklinikum Halle angetreten. Zuvor hatte er die Professur für Versorgungsforschung an der Uni Tübingen inne. Bis zu seinem Ruf nach Tübingen leitete er die Stabstelle Pflegeforschung in der Universitätsmedizin in Halle. Jahn ist seit Juni 2020 im Kuratorium der B. Braun-Stiftung tätig. 

Der ausgebildete Krankenpfleger hat als solcher unter anderem in Israel gearbeitet. Anschließend studierte er Pflege- und Gesundheitswissenschaften. 2011 promovierte er zum Thema Schmerzmanagement bei Tumorpatienten.