„Vielfalt darf kein Projekt Einzelner bleiben“
Mit vielfältig. riefen Hannah und Judith Burgmeier im Jahr 2024 den ersten ambulanten Pflegedienst mit einem Schwerpunkt auf Sexualität und geschlechtliche Vielfalt ins Leben. Ihnen ist es ein Anliegen, ihr Gegenüber nicht allein auf seinen Pflegebedarf zu reduzieren - vielmehr steht der Mensch mit seiner Identität, seiner Sexualität und seinen individuellen Bedarfen im Zentrum ihrer Arbeit. Im Interview gewährten sie uns einen Einblick in ihre Beweggründe, Strategien und Ziele.
Sie bezeichnen sich als „Pflegeenthusiastinnen“. Was steckt für Sie hinter dieser Bezeichnung?
Wir verstehen uns als Pflegeenthusiastinnen, weil wir Pflege professionell, inklusiv und menschenzentriert gestalten. Mit vielfältig. setzen wir auf eine sensitive ambulante Pflege, die die Bedarfe und Bedürfnisse aller Menschen ernst nimmt – insbesondere auch die von queeren Personen, die in der Pflege oft marginalisiert werden. Unser Anspruch ist eine Pflegepraxis, die Vielfalt nicht nur mitdenkt, sondern konsequent umsetzt: respektvoll, fachlich fundiert und diskriminierungssensibel.
Gab es einen bestimmten Moment oder eine Erfahrung, die den Anstoß zur Gründung von vielfältig. gegeben hat?
Ja, es gab definitiv Auslöser. Zum einen Hannahs Masterstudium der Sexualwissenschaft, das hat viele Denkanstöße gegeben. In ihrer Master-Thesis „Queer Altern in Deutschland“ hat sich gezeigt, wie wenig Raum das Thema Sexualität und geschlechtliche Vielfalt in der Pflege bekommt. Zum anderen natürlich unsere eigene queere Lebensrealität und die Erfahrung, dass Sexualität in der Pflege oft nur dann thematisiert wird, wenn etwas schiefläuft, zum Beispiel nach einem Übergriff. Diese Lücke wollten wir schließen. vielfältig. ist unser Beitrag für eine Pflege, die hinschaut, mitdenkt und sensible Themen nicht ausklammert, sondern professionell und respektvoll behandelt.
Welche Vision verfolgen Sie mit vielfältig. – kurz-, mittel- und langfristig?
Unsere Vision mit vielfältig. ist es, Pflege neu zu denken: sensibel, inklusiv und fachlich fundiert. Kurzfristig wollen wir unseren ambulanten Pflegedienst in Bremen weiter etablieren und als verlässliches Angebot für alle Menschen positionieren, insbesondere für queere Menschen. Mittelfristig möchten wir unsere zweite Säule, die vielfältig.lernen, ausbauen. Dort bieten wir schon jetzt bundesweit Fortbildungen, Workshops und Fachberatung, Vorträge rund um Vielfalt, Sexualität und Pflege an - für Professionen im Gesundheitswesen, Einrichtungen sowie Organisationen. Langfristig verfolgen wir das Ziel, strukturelle Veränderungen im Pflegesystem anzustoßen. Wir möchten bundesweit Impulse setzen für eine diskriminierungssensible Pflegepraxis, die Vielfalt nicht als Ausnahme, sondern als Standard versteht. Und es gibt viel zu tun in unserem oft sehr starren Gesundheitswesen.
Was verstehen Sie unter Vielfalt im Kontext von Pflege und Gesundheitsversorgung? Wie kann inklusive Pflege gelingen?
Vielfalt in der Pflege und Gesundheitsversorgung bedeutet für uns, Menschen in ihrer ganzen Lebensrealität wahrzunehmen – mit all ihren individuellen Erfahrungen, Bedürfnissen und Identitäten. Dabei orientieren wir uns an den sieben Vielfaltsdimensionen: Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, geschlechtliche Identität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung sowie soziale Herkunft. Besonders im Fokus stehen für uns die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität, da queere Menschen im Pflegekontext häufig unsichtbar bleiben oder Diskriminierung erleben. Inklusive Pflege gelingt, wenn Pflegefachpersonen gut geschult sind, diskriminierungssensible Haltung mit Fachwissen verknüpfen und Strukturen so gestaltet werden, dass sich alle Menschen sicher, respektiert und verstanden fühlen – unabhängig davon, wer sie sind, wie sie leben oder wen sie lieben. Vielfalt bedeutet für uns nicht nur, Unterschiede zu akzeptieren, sondern sie aktiv mitzudenken.
Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, Sexualität als Thema in der Pflege sichtbar zu machen?
Sexualität als Thema in der Pflege sichtbar zu machen, ist aus unserer Sicht unerlässlich – denn sie ist ein zentraler Bestandteil des Menschseins, unabhängig von Alter, Erkrankung oder Pflegebedarf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Sexualität als: „Ein zentraler Aspekt des Menschseins, der das biologische Geschlecht, Geschlechtsidentitäten und -rollen, sexuelle Orientierung, Lustempfinden, Intimität und Fortpflanzung umfasst. Sexualität wird in Gedanken, Fantasien, Wünschen, Überzeugungen, Haltungen, Werten, Verhaltensweisen, Praktiken, Rollen und Beziehungen erlebt.“ Diese umfassende Definition macht deutlich: Sexualität ist mehr als sexuelle Aktivität. Sie betrifft Identität, Beziehungen und Lebensqualität. Trotzdem bleibt sie in der Pflege oft tabuisiert oder wird auf Risikothemen wie Übergriffe reduziert. Gerade in der Pflege braucht es daher eine professionelle, offene und wertschätzende Auseinandersetzung mit Sexualität – nicht als Zusatzthema, sondern als selbstverständlichen Teil ganzheitlicher Versorgung. Sichtbarkeit bedeutet in diesem Kontext: Bedürfnisse erkennen, ansprechbar sein und Räume schaffen, in denen Menschen auch in verletzlichen Lebensphasen in ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität ernst genommen werden.
Wie erleben Sie die Bedarfe queerer Menschen in der Pflege – und wie gehen Sie konkret darauf ein?
Queere Menschen haben oft besondere Bedürfnisse, die in der Pflege sonst kaum Beachtung finden. Unsere Klientin Klara mit ME/CFS und einem hohen Pflegegrad zum Beispiel hat sich bewusst für vielfältig. entschieden, weil wir ihren Lebensentwurf als junge lesbische Frau selbstverständlich respektieren und sie sich bei uns sicher fühlt – gerade in so privaten Momenten wie der Pflege. Wir gehen offen und sensibel mit Themen wie sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität um: Wir nutzen selbstgewählte Namen und Pronomen, vermeiden verletzende Fragen und bringen Know-how zu transsensibler Pflege mit. So schaffen wir echte Schutzräume statt Diskriminierung. Außerdem bilden wir andere Pflegefachpersonen weiter, damit Inklusion und Respekt in der Pflege zum Standard werden – nicht nur bei uns, sondern überall.
Sie bieten neben ambulanter Pflege auch Sexual- und Paarberatung an. Wie gehören Pflege, Sexualität und Fragen der geschlechtlichen Identität für Sie zusammen?
Pflege, Sexualität und geschlechtliche Identität lassen sich sehr gut miteinander verbinden. Sie alle beeinflussen maßgeblich das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Menschen, die wir begleiten. Mit unserem Dreiklang bei vielfältig. - pflegen, beraten, lernen - verbinden wir ambulante Pflege mit Paar- /Beziehungs- und Sexualberatung sowie einem bundesweiten Fortbildungsangebot. Die Beratung entlastet das Pflegesystem, weil durch das Klären von Beziehungsdynamiken oft stabilere und zufriedenstellendere Versorgungssituationen entstehen. Das kann dazu beitragen, dass Menschen länger zuhause bleiben können, so wie wir es aus der Praxis vermuten. Eine wissenschaftliche Evaluation, etwa in Kooperation mit der B. Braun-Stiftung, wäre ein spannender nächster Schritt, um diesen Zusammenhang genauer zu belegen und das Modell weiterzuentwickeln.
Inwiefern fließen intersektionale Perspektiven in Ihre Arbeit ein? Wie gelingt es Ihnen, mit diesen komplexen Überschneidungen sensibel und professionell umzugehen?
Intersektionale Perspektiven sind für uns zentral, um die komplexen Lebensrealitäten unserer Klient:innen wirklich zu verstehen und sensibel darauf einzugehen. Deshalb lehnen wir in unserem Pflegevertrag jede Form von Menschenfeindlichkeit – sei es aufgrund von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder Behinderung – klar ab. Für uns ist das ein verbindlicher Kündigungsgrund, um ein respektvolles und sicheres Umfeld zu gewährleisten. Wir nehmen unsere Führungsverantwortung dabei sehr ernst: Schon im Aufnahmegespräch machen wir unsere Haltung und Themen offen zum Gesprächsgegenstand und schaffen so von Anfang an Raum für Vertrauen und gegenseitigen Respekt.
Mit welchen institutionellen oder gesellschaftlichen Hürden sind Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert? Wie gehen Sie mit Vorbehalten oder Unverständnis in Ihrem professionellen Umfeld um?
Wir stoßen immer wieder auf strukturelle Hürden: Ein Gesundheitswesen, das mehr auf Hierarchien setzt als auf Kooperation, fehlende Sensibilität für queere Lebensrealitäten und Unwissenheit. Auch Vorbehalte gegenüber unseren Schwerpunkten – etwa Sexualität in der Pflege – begegnen uns regelmäßig. Wir reagieren darauf mit Aufklärung und konsequenter Kommunikation im Sinne unserer Wertebasis, die wir z. B. auch im Pflegevertrag verankern. Aufklärung ist für uns ein Schlüssel, um Verständnis, Respekt und Offenheit zu fördern – sowohl bei An- und Zugehörigen, Pflegefachpersonen als auch in Institutionen. Gleichzeitig schaffen wir sichtbare, positive Praxisbeispiele - denn echte Veränderung entsteht auf Basis erlebter Alternativen, nicht durch Belehrung. Und: Wir brauchen gerade in Zeiten wie diesen Allyship, also Menschen, die sich solidarisch mit „Minderheiten“ zeigen. Unsere bloße Existenz fördert diese Allyship und das macht uns Mut.
Welche Leerstellen sehen Sie aktuell im Gesundheitssystem im Hinblick auf Diversität? Welche Veränderungen braucht es, damit Pflege auch über vielfältig. hinaus inklusiv sein kann und wie wichtig sind dabei Aus- und Weiterbildungen?
Das Gesundheitssystem denkt Diversität bisher oft eindimensional, meist reduziert auf Geschlecht oder Herkunft. Damit Pflege inklusiver wird, braucht es verpflichtende Fortbildungen zu Diversität, diskriminierungssensible Strukturen und mehr Sichtbarkeit von (queeren) Lebensrealitäten. Aus- und Weiterbildung sind zentrale Hebel für mehr Vielfaltssensibilität im Gesundheitswesen. Vielfaltskompetenz fällt nicht vom Himmel – sie muss gelernt, reflektiert und geübt werden. Deshalb braucht es verbindliche Schulungen und Raum für Selbstreflexion. Es bedarf jedoch auch einer klaren Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit und Strukturen, die diese Werte dauerhaft im Berufsalltag verankern. Vielfalt darf kein Projekt Einzelner bleiben, sondern muss in Ausbildung, Leitlinien und im Alltag aller Einrichtungen systematisch mitgedacht und umgesetzt werden.
Wenn Sie einen Wunsch an die Politik oder an Gesundheitsinstitutionen frei hätten – welcher wäre das?
Mit Wünschen ist das so eine Sache. Wir haben uns aktiv dazu entschlossen, nicht auf die Politik oder andere Institutionen zu warten. Wir wollen selbst Veränderung anstoßen und damit Teil einer modernen, inklusiven Bewegung sein. Aber um die Frage zu beantworten: Politik muss Strukturen schaffen damit Diversität und Inklusion nicht leere Worthülsen bleiben und Gesundheitsinstitutionen sollten zum Wohl aller (also Menschen, die in ihnen arbeiten sowie Menschen, die deren Dienstleistungen in Anspruch nehmen) Vielfalt anerkennen.
Mehr Informationen zu vielfältig. finden Sie hier.