Neues Rollenmodell: Nurse Led Unit

Neues Rollenmodell: Nurse Led Unit

Pflege neu gedacht: In der Nurse-Led-Unit führen Pflegende die Station. In seinem Vortrag auf der Fortbildung für Pflegende 2025 hat Dr. Witiko Nickel als pflegerischer Geschäftsführer seine Modellstation am Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide vorgestellt. Viele Teilnehmende wollten noch mehr darüber erfahren. Wir haben Dr. Nickel deshalb noch einmal interviewt. Er sieht in diesem Ansatz ein großes Potenzial für die Weiterentwicklung der professionellen Pflege..

Herr Dr. Nickel: Wie hat sich die Einführung von Nurse Led Units auf die Zufriedenheit des Pflegefachpersonals ausgewirkt? Gab es Veränderungen bei Fehlzeiten oder sogar einen Bewerbungsandrang?

Die Fehlzeiten der NLU sind etwas geringer im Vergleich mit einer „normalen“ Station. Aber da die Station erst seit einigen Monaten betrieben wird, ist es zu früh sich diese Daten anzusehen und zu bewerten. Einen    Bewerbungsandrang gab es (leider)    nicht. In Den Vorstellungsgesprächen mit internen und externen Bewerber/innen hat sich herausgestellt, dass das Konzept der eigenverantwortlichen Arbeit nicht immer das ist, was anzieht. Das ist auf der einen Seite bedauerlich, auf der anderen Seite    aber auch pflegehistorisch nachvollziehbar.

Würden Sie sagen, dass die Arbeitszufriedenheit auf einer NLU-Station höher ist als auf anderen Stationen? Wenn ja, woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich bin davon überzeugt, dass eigenverantwortliches Arbeiten etwas ist, was mit hoher Zufriedenheit verbunden ist. Dafür gibt es jedoch Voraussetzungen: 1. Es muss einen Rahmen geben, in dem es gewünscht und gefördert wird, als    Pflegefachkraft  Entscheidungen zu treffen. 2. Diese neue Verantwortung muss außerdem gelernt werden.

Arbeiten die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte im NLU-Modell ganz normal in der direkten Pflege mit, oder übernehmen sie zusätzliche Aufgabenbereiche, wie z. B. Beratung, Prozessoptimierung oder Forschung?

Alle Fachkräfte arbeiten „am Bett“ – egal mit welcher Qualifikation. Wir möchten jede Qualifizierung wirksam bei den Patienten/innen. Perspektivisch ist eine stärkere Arbeitszeitung vorgesehen, wenn die Station wächst.

Wie ist die Zusammenarbeit zu anderen Stationen? Was ist, wenn sich ein Notfall entwickelt, können die Patient*innen schnell verlegt werden?

Die Zusammenarbeit mit den anderen Stationen ist gut. Es ist prinzipiell eine Station wie jede andere, die sich eben nur auf bestimmte Patienten und Arbeitsabläufe spezialisiert.

Haben die Pflegefachpersonen in einer NLU Angst vor mehr Verantwortung? Kommen die Pflegenden mit dieser Anforderung gut zurecht?

In der Theorie hört sich das ja alles gut an: mehr Verantwortung, selbstständig entscheiden. Tatsächlich haben die Pflegekräfte signalisiert, das mehr Verantwortung nur mit mehr Wissen und Können geht. Wir werden die nächsten    Monate nutzen, um diese  Bedürfnisse genauer zu beleuchten.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell bei der Umsetzung des NLU-Modells? Gibt es strukturelle oder kulturelle Hürden, die überwunden werden müssen?

Den „Clash of Berufsgruppen“ kann es bei einem Projekt wie der Einführung einer NLU immer geben. Veränderung ist immer eng mit Unternehmenskultur verbunden. Unternehmenskultur ist etwa gewachsenes und etwas, das man    nicht von heute auf    morgen verändert. Aber ich kann gestern anfangen, über das heute zu sprechen und morgen das Ziel von heute schrittweise umsetzen. Unternehmenskultur ist nichts statisches. Pflegekräfte müssen erkennen, dass ein Teil der vlt. nicht ganz so agilen Unternehmenskultur möglicherweise in der Struktur der eigenen Berufsgruppe liegt. Also müssen wir uns zuerst selber ändern, um den Rahmen in dem wir handeln, zu beeinflussen.

Wie bewerten Sie die Zukunftsperspektive: Könnte das NLU-Modell ein Standard in der Pflege werden bzw. planen andere Einrichtungen ebenso dieses Konzept zu übernehmen?

Angesichts des Fachkraftmangels in zahlreichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen, ist jetzt eine gute Zeit darüber nachzudenken, warum eine Berufsgruppe eigentlich das macht, was sie macht. Und ob eine Neuausrichtung Vorteile bringt. Das NLU-Modell ist primär der Versuch, innerhalb des vorgegebenen gesetzlichen Rahmens mehr Autonomie in die Pflege zu geben. Eine NLU kann dadurch innerhalb einer Klinik als erstes „Role-Model“ funktionieren.

 

Ein weiteres Interview mit Dr. Witirko Nickel finden Sie in unserem Veranstaltungsblog zur Fortbildung für Pflegende: „Hier ist Pflege die Haupttherapie“ - Fortbildung für Pflegende