Finnland: Digitalisierung und Mut zu Innovationen
Finnland gestaltet das Gesundheitssystem im demografischen Wandel aktiv: Mit Mut zur Innovation und klaren Strukturen – der Blick auf die Patientinnen und Patienten. Das erfuhren Mentees, Mentor*innen und Alumni an ihren zweieinhalb Tagen auf der Mentoringprogramm-Studienreise nach Helsinki.
Wie lässt sich ein Gesundheitssystem konsequent am Nutzen für Patientinnen und Patienten ausrichten? Dieser Frage gingen die Teilnehmenden der Studienreise des Mentoringprogramms der B. Braun-Stiftung und der Careum Stiftung in Helsinki nach. Zum Abschluss des Mentoringprogramms ging es für die Mentees aus Deutschland und aus der Schweiz, deren Mentor*innen und B. Braun-Stiftung-Alumni nach Helsinki, um die finnische Gesundheitswirtschaft zu beleuchten und sich einen Eindruck von der Innovationskraft des nordeuropäischen Landes zu bilden.
Zum Auftakt erhielten die Teilnehmenden Einblicke in zentrale Strukturen des finnischen Gesundheitswesens. Vertreterinnen und Vertreter aus Klinik und Gesundheitspolitik machten deutlich, wie eng in Finnland medizinische Versorgung, soziale Leistungen und technologische Innovation zusammengedacht werden. Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft gewinnen digitale und medizintechnische Lösungen dort zunehmend an Bedeutung.
Wer sind eigentlich die Finnen
Finnland hat 5,4 Millionen Einwohner. Die meisten wohnen in der Region um Helsinki. Der Gesundheitsmarkt entwickelt sich wie das Wirtschaftswachstum mehr als zufriedenstellend: Gesundheitstechnologie-Exporte sind in 2025 um 8% gestiegen, allgemeine Exporte sind auf ein Rekordlevel von 2,79 Milliarden angestiegen. Gesundheitsprodukte erreichen ein Exportvolumen von 6 bis 8 Milliarden pro Jahr. Finnische Medtech-Firmen generieren etwa 1 Milliarde Umsatz in Finnland, weltweit 2 Milliarden Euro.
Wie ist das Gesundheitsystem aufgebaut
Das Gesundheitssystem steht vor den gleichen Problemen wie das Deutsche und das Schweizerische. Der Fachkräftemangel fordert zum Umdenken heraus. Finnland setzt auf ein Zusammenspiel aus Digitalisierung, sektorenübergreifender Versorgung und Patientenorientierung – und gilt damit vielen als Vorreiter im Gesundheitswesen. Wie in anderen nordischen Ländern hat der Staat schon früh auf Digitalisierung gesetzt: 3,3 Millionen Menschen nutzen die digitale Patientenakte KANTA, die es schon seit 20 Jahren gibt.
Die Gesundheitsversorgung über Steuern plus gesetzliche Sozialversicherungsbeiträge finanziert. 90 Prozent des finnischen HC und Social System wird vom Staat erstattet. Das kann durch private Versicherungen ergänzt werden, die die restlichen Kosten übernehmen. Seit der Gesundheitsreform in 2023 gibt es 21 (plus Helsinki) Wohlfahrtsregionen, die das soziale und das Gesundheitssystem in der Region steuern. Die Zuteilung des Budgets orientiert sich an den lokalen Bedürfnissen und Schätzungen auf Grundlage der letzten 2 Jahre. Die staatliche Krankenversicherung (Kela) beträgt um die 2 % des einkommensteuerpflichtigen Einkommens.
Der Zugang der Menschen zu den Gesundheitsangeboten ist streng geregelt und von Zuzahlungen in unterschiedlicher Höhe geprägt. So kann ein Besuch im Krankenhaus nach Dienstschluss schon einmal 60 – 70 Euro an Zuzahlung kosten. Die spürbar gestiegene Eigenbeteiligung und Wartezeiten sorgt für Kritik. Die zentrale Rolle in der Primärversorgung übernehmen kommunale Gesundheitszentren. Dort arbeiten Allgemeinmediziner*innen, die vergleichbar mit Hausärzt*innen sind. Es gibt eine jährliche Belastungsgrenze für Gesundheitsgebühren; danach werden viele weitere Leistungen deutlich günstiger oder kostenlos. Ebenfalls ein Kritikpunkt ist, dass so gut wie gar nicht in Prävention investiert wird.
Es gibt auch die Möglichkeit sich privat zu versichern mit einem deutlich schnelleren Zugang zu Fachärzten.
Digitalisierung in Prozessen und zur Entlastung
Das Programm führte die Reisegruppe in das Universitätskrankenhaus Helsinkis, das HUS. Beiträge aus Politik, Klinik und MedTech zeigten, dass medizinische Versorgung dort zunehmend vernetzt gedacht wird: Gesundheits- und Sozialleistungen werden enger zusammengeführt, digitale Lösungen systematisch ausgebaut und Versorgungspfade neu organisiert.
Im Helsinki University Hospital (HUS) zeigte sich, wie digitale Patientenportale wie Maisa, telemedizinische Konzepte und KI-gestützte Anwendungen bereits heute dazu beitragen, Prozesse effizienter zu gestalten. Besonders eindrücklich: Künstliche Intelligenz wird eingesetzt, um Dokumentationsaufwand zu reduzieren und Fachkräfte zu entlasten. Die Verantwortung für medizinische Entscheidungen und die Beziehung zu den Patient*innen bleiben beim Menschen. Technologien unterstützen das Personal. Ein digitaler Patientenpfad von Migränepatient*innen bindet die Betroffenen in einem Programm, Teams-Calls beispielsweise unterstützen die Betreuung.
Wie innovativ Versorgung auch jenseits klassischer Krankenhausstrukturen gedacht werden kann, zeigte das Beispiel des mobilen Krankenhauses LiiSa. Das Modell bringt medizinische Hilfe insbesondere zu geriatrischen Patient*innen nach Hause. Ziel ist es, unnötige Aufenthalte in der Notaufnahme und damit auch nachweislich längere Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, und die Versorgung zu Hause zu ermöglichen. Denn jeder weitere Krankenhausaufenthalt macht eine Unterbringung im Heim wahrscheinlicher. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern hilft älteren Menschen länger zu Hause bleiben zu können.
Die finnischen Referent*innen:
Sini Nykänen, – Geschäftsführerin von Finnilco ry (Patientenorganisationen)
Maaret Castrén, – Vertreterin des finnischen Parlaments („Hospital on the road“)
Marjukka Turunen, – Sailab – MedTech Finland (Healthtech & Industrie)
Anna Maksimainen, – Nordic Healthcare Group (Gesundheitssystem Finnland)
Veli-Matti Ulander, – Administrative Chief Medical Officer, HUS (Krankenhausstruktur)
Tiina Laine, – Senior Medical Officer, HUS (digitale Patientenportale / Maisa)
Laura Mäkitie, – Spezialistin Neurologie, HUS (digitale Versorgungskonzepte)
Mia Eklund, – Managing Director Nordics, B. Braun Medical
Jukka Sinisalo / Jukka Talus, – B. Braun Finland (Infusionstechnologie)
Enni Sanmark - Ärztin für Gesundheitswissenschaften, Dozentin - HUS (Veränderung in der Telemedizin und die Zukunft der Patientenversorgung)
Juliane Wolkersdorfer - Kundenberatung (MedicubeX)
Das Mentoringprogramm
Die gemeinsam mit der Schweizer Careum Stiftung angebotene, berufsbegleitende Veranstaltungsreihe begleitet junge Menschen in ihrer Karriereentwicklung und qualifiziert sie für Führungsaufgaben in der Gesundheitswirtschaft. Die Teilnehmer lernen über acht Monate in interprofessionellen Teams Managementaufgaben zu lösen. Sechs Seminare vermitteln Wissen in verschiedenen Kompetenzbereichen wie z. B. Digitale Transformation, Change Management und Innovationen. Außerdem wird jeder Teilnehmer mit einer erfahrenen Führungskraft aus dem Gesundheitswesen vernetzt. Ein Pitch-Training ist ebenfalls integriert, denn die Teilnehmer*innen erarbeiten über die Programmlaufzeit in Kleingruppen ein Geschäftsmodell. Zum Abschluss findet eine Studienreise ein europäisches Ausland statt. So erhalten die Mentees die Möglichkeit, ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen.