Einblicke in ein Magnet®-Krankenhaus
Der Begriff Magnetkrankenhaus bezeichnet ein international anerkanntes Qualitätssiegel für Krankenhäuser. Es steht für exzellente Pflegequalität, ein optimales Arbeitsumfeld für Pflegekräfte und herausragende Patientenergebnisse. Das Konzept stammt aus den USA und entstand in den 1980er‑Jahren, als Kliniken gesucht wurden, die Pflegepersonal „magnetisch“ anziehen und halten konnten. Im Rahmen einer von der B. Braun-Stiftung geförderten Hospitation sind Birgit Feil und Carolin Gindele als Vertreterinnen des RKU Ulm sowie Theresa Machauer von der Sana Kliniken AG in die Billings Clinic nach Montana (USA) gereist. Erzählt doch mal!
Die Billings Clinic beeindruckt durch eine konsequent gelebte Kultur der Pflegeexzellenz, der interprofessionellen Zusammenarbeit und konzeptionellen Strukturen zur Patientensicherheit. Die Pflegekräfte sind aktiv in die Entwicklung neuer Standards und Prozesse eingebunden. Über Shared-Governance-Strukturen wirken Pflegende direkt an Entscheidungen zur Praxisentwicklung mit. Diese Partizipation in der transformationalen Führung fördert Identifikation, Innovationsbereitschaft und eine hohe Versorgungsqualität – ein Ansatz, der im Magnet®-Modell zentral verankert ist. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die gezielte Förderung des Pflegepersonals. Im Mittelpunkt steht eine klar strukturierte Pflegeorganisation, die Verantwortung und Beteiligung auf allen Ebenen fördert. Charge Nurses übernehmen die tägliche operative Leitung der Stationen und werden in Rotationssystemen gezielt auf Führungsaufgaben vorbereitet. Unterstützt werden sie von Nurse Managern, Clinical Coordinators und einem Administrator on Duty, der pro Schicht für übergreifende Entscheidungen zuständig ist. Unterstützung erfährt das Pflegeteam noch von Fachexperten u.a. Respiratory Therapists, Wound Care Therapists.
Fokus auf Personalentwicklung und Bindung
Das Nurse Residency Program betreut alle neu eingestellten Pflegefachpersonen über ein Jahr hinweg mit praxisnahen Modulen, individueller Begleitung durch Preceptors und regelmäßigen Evaluationen. Ergänzend stellt das SOAR-Programm (Successful Orientation Aimed to Retention) sicher, dass neue Mitarbeitende strukturiert, eingearbeitet und langfristig gebunden werden.
Diese systematischen Entwicklungsprogramme verdeutlichen, dass exzellente Pflegeorganisationen in die kontinuierliche Qualifizierung und Unterstützung ihrer Pflegefachpersonen, Personal investieren – ein Aspekt, der auch in deutschen Einrichtungen im Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.
„Bemerkenswert war auch der geringe Lärmpegel in Stationen/Funktionsbereichen mit Monitoring und mit Einsatz von Medizingeräten.“
Digitalisierung und klinische Innovationen
Ein weiteres Schwerpunktthema ist die Digitalisierung der Pflegeprozesse. Die Abteilung Nursing Informatics (NI) wird von Pflegefachpersonen geleitet, die als Schnittstelle zwischen Praxis und IT agieren. Sie entwickeln elektronische Dokumentationssysteme weiter, evaluieren Arbeitsabläufe und schulen Mitarbeitende. Aktuell arbeitet die Billings Clinic an der Implementierung von KI-gestütztem Voice-Charting, dass die Dokumentation über Sprachsteuerung ermöglichen soll. Auch im Bereich der Patientensicherheit wurden innovative Konzepte vorgestellt – darunter Patientenbetten mit Sensoren, die den Lagewechsel und insbesondere Patienten beim Verlassen des Bettes der zuständigen Pflegefachperson melden. Darüber hinaus gibt es ein zentrales digitales System zur Sturzüberwachung, das visuelle und sensorische Signale nutzt, um das Risiko des Sturzes frühzeitig zu erkennen und aktiv mit dem Patienten kommunizieren zu können. Mittels Handheld, teilweise auch Nutzung privater Mobiltelefone, ist es möglich die Alarmierung direkt auf das vorhandene Gerät der Registered Nurse zu übertragen. Die Alarmierung erfolgt mittels Vibration oder leise eingestellter Alarmierung. In dieser Umgebung ist die Genesung des Patienten und ein konzentriertes Arbeiten, sowie Kommunikation im interdisziplinären Team jederzeit möglich.
Pflegeforschung und Anerkennungskultur
Nennenswert ist es ebenso, dass die Billings Clinic pflegerische Forschung konsequent fördert. Pflegende werden ermutigt, eigene Studien und Praxisprojekte zu initiieren. Die Ergebnisse werden im Quality Council präsentiert und ausgezeichnet. Anerkennung und Wertschätzung ist generell fest in der Unternehmenskultur verankert: Mit Programmen wie dem Daisy Award oder teambezogenen Auszeichnungen werden außergewöhnliche Leistungen regelmäßig sichtbar gemacht. Diese Kultur der Wertschätzung trägt maßgeblich zur Mitarbeiterbindung und zum Stolz auf die eigene Profession bei – ein zentrales Element des Magnet®-Konzepts.
„"Die von der B. Braun Stiftung ermöglichte Hospitation war für mich ein bedeutender Beitrag zum internationalen Wissenstransfer in der Pflege. Sie hat gezeigt, dass exzellente Pflege dort entsteht, wo Kompetenz, Forschung, Digitalisierung und Wertschätzung in einer gemeinsamen Haltung verbunden werden. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in laufende Projekte zur strategischen Weiterentwicklung der Pflege bei den Sana Kliniken und in den Magnet®-Vorbereitungsprozess des RKU Ulm ein. Sie tragen hierbei maßgeblich dazu bei, Change Prozesse zur nachhaltigen Förderung der pflegerischen Exzellenz auch in Deutschland nachhaltig zu fördern.“
Internationale Zusammenarbeit und Ausblick
Die Hospitation zeigte eindrucksvoll, wie Pflegeexzellenz, Partizipation und Forschung ineinandergreifen können. Für die Hospitierenden eröffnete der Austausch Impulse zur Stärkung pflegerischer Beteiligung und Entscheidungen an Digitalprojekten und zur Entwicklung strukturierter Programme für Pflegefachpersonen und Nachwuchsführungskräfte. Insgesamt bot der Besuch wertvolle Orientierung auf dem Weg zur Magnet®-Zertifizierung. Insbesondere die operative Umsetzung in Anlehnung an die fünf Grundsätze des Magnetkonzepts wurde nochmal verdeutlicht: strukturelle Bevollmächtigung (Empowerment), beispielhafte professionelle Praxis, transformationale Führung, neues Wissen, Innovationen und Verbesserungen sowie empirische Outcomes.
„Wir sind uns einig: Besonders prägend ist das gemeinsame Verständnis von Pflege als aktiver Gestaltungsfaktor für die Qualität und das Patientenerleben, unabhängig vom Fachgebiet und der jeweiligen Qualifikation gewesen. Der persönliche Austausch mit den Teams der Billings Clinic hat uns nicht nur fachliche Erkenntnisse vermittelt, sondern auch eindrucksvoll gezeigt, wie eine Kultur des Vertrauens und der Eigenverantwortung Pflegeberufe langfristig stärkt.“
Die Billings Clinic Montana (USA) gilt als führendes Magnet®-Krankenhaus und war Partnerklinik des RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH im europäischen Forschungsprojekt Magnet®4Europe. Das Projekt Magnet®4Europe hatte die Zielsetzung, das Strategien zur Verbesserung der Arbeitsumgebung und Patientensicherheit in der Pflege zu untersuchen. Das RKU Ulm ist als erste deutsche Klinik auf dem Weg zur Magnet®-Zertifizierung und pflegt seit der Magnet®4Europe Studie eine Twinning-Partnerschaft mit der Billings Clinic in Montana. Der Austausch diente dazu, erfolgreiche Magnet®-Strukturen und pflegerische Führungsmodelle der Pflege vor Ort kennenzulernen und deren Übertragbarkeit auf den deutschen Kontext zu reflektieren.